Mit dem Überfall auf Polen am 01.09.1939 begann der mörderische Krieg Hitlers. Er hatte die größte menschliche Tragödie der Neuzeit zur Folge für unser Dorf. Auf dem Kriegerdenkmal wird die Erinnerung daran gewahrt. Über die Hälfte der zum Kriegsdienst gezogenen Männer des Dorfes kehrte nicht wieder zurück von den Schlachtfeldern. Fast jeder 10. Dorfbewohner verlor sein junges Leben. Darunter der erst 16 Jahre alte Karl Klee. 1949 kehrten noch 3 Überlebende des Krieges nach 4-jähriger Gefangenschaft in Russland in ihre Heimat zurück.
Die Trauer, Verzweiflung, Fassungslosigkeit über das Schicksal des Vaters, Gatten, Sohnes, Bruders kehrten in die Häuser ein. Hinzu kam die existenzielle Bedrohung durch den fehlenden, oftmals Haupternährer in den arbeitsintensiven kleinbäuerlichen Betrieben. Während des Krieges versuchten die Nazis Abhilfe zu schaffen durch Zwangsarbeiter, Fremdarbeiter genannt, aus überwiegend osteuropäischen Ländern. Die jungen Männer waren ausschließlich zum Arbeiten verpflichtet. Persönliche Kontakte mit Deutschen waren strengstens verboten. So durften sie z.B. bei den Mahlzeiten nicht mit am Tisch sitzen. Es fanden Kontrollen statt, Schikanen, Drohungen, Denunziationen. Widerstand dagegen leisteten etliche mutige Frauen. Sie widersetzten sich den Strafandrohungen und behandelten „ihren“ fleißigen Fremden menschlich. Die fremden Arbeiter trafen sich sonntags auf dem Kirchplatz, wo sich Dorfkinder und Kinder aus ausgebombten Großstadtfamilien in aller Unbefangenheit begegneten.
Widerstand leistete auch die Kindergärtnerin Martha Salzmann. Sie weigerte sich, die christlichen Inhalte ihrer Erziehung zu unterlassen. Sie sollte ihre Pädagogik ausschließlich auf die Glorifizierung Hitlers ausrichten, z.B. für Hitler beten, Hitlerbilder malen usw. Sie wurde denunziert, bedroht und schließlich weit weg von ihrer Heimat strafversetzt nach Darmstadt.
Die Willkürherrschaft der Nazis reichte bis in die Stallungen der kleinbäuerlichen Anwesen. Jedes Stück Vieh war gezählt. Zwangsbewirtschaftung und -abgaben waren die Folge. Es war ein offenes Geheimnis, dass Schwarzschlachtungen verbotenerweise bei Nacht und Nebel in abgedunkelten Ställen stattfanden.
Am 14.12.1944 fand über den Dörfern Strüth, Lipporn und Welterod ein Luftkampf zwischen amerikanischen Maschinen und einer deutschen Jagdmaschine vom Typ BF109K-4 statt. Der Fähnrich Egon Mikutta wurde abgeschossen. Sein Fallschirm öffnete sich nicht. Er stürzte auf einen Acker zwischen Strüth und Lipporn. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Welteroder Friedhof. Die Trümmer seiner Maschine liegen in dem Waldstück zwischen Diethardt und Lipporn
Zum Schutz gegen Luftangriffe wurde in die Wand des Steinbruchs ein Stollengang gesprengt. Den konnten die Dörfler bei Fliegeralarm aufsuchen. Manche Familien suchten auch Schutz in den Kellern ihrer Häuser. Nächtliche Verdunkelung war befohlen.
Gefürchtet waren die Tieffliegerattacken der Amerikaner auch auf die Zivilbevölkerung. Ein Angriff auf ein Kuhgespann tötete die beiden Tiere. Der das Gespann führende Fremdarbeiter konnte sich in Sicherheit bringen.
Am 28.03.1945, ein Tag nach Ankunft der Amerikaner in Welterod, beschoss eine deutsche Artilleriestellung von jenseits des Rheins unser Dorf. Dabei wurden eine Scheune beschädigt und Nutztiere getötet.
Zum Ende des Krieges, als die Alliierten im Westen bereits die Lufthoheit hatten, wurde auf der 500m- Höhenlinie bei der Gemarkung Hinterlöh/Ullmark eine Flakstellung errichtet. Sie sollte die Bombengeschwader, die der Flusslinie des Rheines entlang von England aus die Großstädte, Bahnknotenpunkte und Industriegebiete südlich des Mains bombardierten, abschießen. Allein die Bahnknotenpunkte Mainz und Bingen wurden über 20 mal angegriffen. Auf ihrem Rückflug überquerten die Bomber unser abgelegenes Gebiet. Das erklärt die Errichtung der Flakstellung in der Gemarkung Welterod. Eine Hinterlassenschaft der Flakstellung waren die Schützengräben- und löcher und die Hülsen der abgeschossenen Flakgranaten aus Buntmetall. Die Kinder sammelten diese ein und erzielten hohe Preise dafür bei den Altwarenhändlern. Die Bedienungsmannschaft der Flak wurde versorgt durch eine Feldküche im Hof zwischen den Familien Hartung und Beilstein.
Der Welteroder Jugendliche Horst Himmighofen brachte jeden Mittag mit einem Pferdegespann die Verpflegung in die Batteriestellung. Am 25. März bekam er den Befehl sich in Weisel zur Errichtung einer Panzersperre zu melden. Widerstand dagegen leistete sein Großvater Wilhelm. Er brachte ein Bravourstück an Täuschung zustande, indem er so tat, als sei sein Enkel Horst bereits auf dem Weg nach Weisel, wohin er abkommandiert war. In Wahrheit versteckte er Horst auf dem Heuboden. Zwei Tage später stand ein amerikanischer Panzer am Fuße des Kippels, heute Rödeler Weg. Die Amerikaner hatten am Tag zuvor unter Artillerie- und MG-Beschuss mit Landungsbooten den Rhein bei Kaub überquert. Nach heftigen Straßenkämpfen in Kaub und Weisel gelangte die Panzertruppe über Rettershain und Lipporn nach Welterod. Den Panzer umringten Kinder und Halbwüchsige. Bei etlichen Erwachsenen machte sich ungläubiges Staunen, Fassungslosigkeit und Ängstlichkeit breit. Bis zuletzt hatten viele dem Lügenmärchen Hitlers -„Ihrem Adolf“- von den Wunderwaffen und dem Endsieg geglaubt. Ihre bisherige Welt brach zusammen. Die fremden Soldaten verteilten und tauschten Schokolade, Orangen und Kaugummi gegen frische Eier. Für ihre Übernachtung wurden das Schulhaus und Privathäuser requiriert. Für die Betroffenen waren sie Besatzer. Tags darauf setzten sie ihren Vormarsch Richtung Wispertal/Rheingau und Bäderstraße/Wiesbaden fort.
Historiker bezeichnen sie als die größte Fluchtbewegung der Menschheitsgeschichte. Es handelt sich um das Schicksal der aus den deutschen Ostgebieten Geflüchteten und Vertriebenen, überwiegend Frauen und Kinder. Sie gehörten zu den letzten Opfern Hitlers. Bis zu 15 Millionen verloren ihre Heimat. 2 Millionen kamen dabei um durch Gewalttaten der Russen, durch Verhungern, Erfrieren und Erschöpfung. Auch in Welterod „strandeten“ 15 Familien. Es waren ca.
50 Personen, überwiegend Frauen und Kinder, 20 davon Schulkinder. Die „Habenichtse“ hatten alles verloren bis auf ihr Leben, z.T. Grauenhaftes auf der Flucht erlebt. Es musste vor allem Wohnraum geschaffen werden. Leerstehende Räume und Häuser dienten zunächst als Notunterkünfte. Auch Zwangseinweisungen bei Dorffamilien erfolgten. Die Fremden wurden nicht von allen Dörflern freundlich begrüßt. Bereits nach kurzer Zeit verließen die Meisten ihre erste Bleibe, um an einem anderen Ort eine neue Existenz aufzubauen. Die Verbliebenen integrierten sich schnell und gelangten zu Wohlstand und Hausbesitz.
Eine Hinterlassenschaft des Kriegsgeschehens waren Granaten, die als Blindgänger mit noch intakten Zündern, mehr oder weniger sichtbar im Waldgebiet von Hinterlöh und Ullmark herum lagen. Ungeklärt blieb, wie es zu dem Abwurf zweier Fliegerbomben oberhalb vom Quellgebiet des Mühlbachs kam. Vermutet wurde, es seien zwei sogenannte Fehlwürfe der Allierten bei dem Rückflug nach einem Luftangriff auf Mainz gewesen. Diese Hinterlassenschaft war eine ungewöhnliche Sehenswürdigkeit und ein Anziehungspunkt. Sie wurde die „Bombelöcher“ genannt. Binnen kurzer Zeit bildeten sich zwei mit Wasser gefüllte, von Schilfdickicht und Gesträuch umsäumte Teiche. Sie wurden ein Treffpunkt der älteren Dorfkinder, wo sie fernab der Erwachsenenwelt Abenteuerspiele, wie Feuerchenmachen und erste Rauchversuche mit Zigaretten aus Schilfrohr und -kolben veranstalteten.
Das Leben hat sie wieder!!
Gezahlt hatten schon bis zu 8 Millionen Deutsche mit dem Leben. Gezahlt wurde auch auf den Dörfern mit Reparationen: Mit der Abholzung ganzer Wälder (Zorner Kopf), mit den Viehabtransporten nach Frankreich. Mit Passkontrollen zwischen den Besatzungszonen, z.B Strüth (französisch) und Zorn (amerikanisch). Die Nöte der Großstädter zeigten sich auch in den Dörfern. Um Lebensmittel Bettelnde, Hamsterer genannt, gingen von Haus zu Haus, um an etwas Essbares zu gelangen.
Zu einer todbringenden Tragödie steigerte sich die Not für viele Städter im Winter 46/47. 40 Tage lang herrschten Temperaturen um die 20 Grad minus. Mindestens 400.000 Menschen wurden zu Opfern des „schwarzen„ und des „weißen Todes“ (Verhungern und Erfrieren). An diese Toten erinnert kein Gedenkzeichen.
Den Hamsterern folgten die Hausierer von Tür zu Tür. Sie boten ihre Waren aus Rucksäcken, Kiepen und Bauchläden an. Fliegende Händler, Schrotthändler und Lumpensammler kamen häufig ins Dorf. Die Hilfesuchenden aus den Trümmerwüsten vieler Städte waren die Verkörperung des durch die verbrecherische Kriegsführung herunter gewirtschafteteten Landes. Indem die Nazis ihren „totalen Krieg“ bis zur totalen Niederlage weiter führten, richteten sie sich gegen das eigene Volk. Ihm wurden die elementaren Lebensgrundlagen (ausreichende Ernährung und menschenwürdiges Wohnen) vernichtet. Hitlers „Nerobefehl“ vom 19.03.45 forderte die Zerstörung aller Verkehrs-,Nachrichten-,Industrie-und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte. (Z.B. zerstörten spezielle Sprengkommandos alle wichtigen Brücken). Für Millionen von Menschen fand der Kampf ums Überleben für eine unbestimmte Zeit statt.
Da erging es den Dorfbewohnern besser. Sie mussten kaum die Zerstörung von Wohnraum erleben. Ihre Kultur der Selbstversorgung mit Lebensmitteln bewahrte sie vor dem Hungerelend vieler Städter.
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